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  • Marc Melich-Mautner

Was ist eine russische oder griechische Ikone?

Aktualisiert: 27. Dez. 2021

Konstantinopel war in frühchristlicher Zeit ein Schmelztiegel vieler Rassen und Völker und ein Kulturzentrum der Welt. Hier stießen Orient und Okzident aufeinander. Das gestalterische Denken der griechischen Antike lebte noch nach, mischte sich mit dem pragmatischen der Römer, die das Land erobert hatten, wurde durchsetzt von dem zum Schwärmerischen und Überschwänglichen neigenden Wesen sinnenfroher orientalischer Völker, der Syrer, Ägypter, Perser. Durchdringend wirkte die gedankliche Gewalt des jungen Christentums. Es formte sich in dieser Stadt ein Lebensstil, in dem Frömmigkeit, Feierlichkeit und Sinnenfreude, Prachtentfaltung und Askese, Machtgier, Intrige und staatsmännische Klugheit ihren Platz hatten. Die Kunst jener Zeit setzt sich aus Formelementen verschiedensten Herkommens und unterschiedlichster Prägung zusammen und verschmolz zu einem neuen Ganzen, in dem sich der Geist dieses neuen großen Reiches widerspiegelt, das aus dem alten römischen Reich hervorgegangen ist.

Der römische Kaiser Konstantin der Große gründete 324 diese Stadt und gab ihr seinen Namen. Er hatte nicht die Absicht, ein zweites Rom zu schaffen, aber doch weiter östlich von Rom einen Stützpunkt für das mächtige Reich, das bis zum Kaukasus reichte. Bereits Cäsar hatte mit dem gleichen Gedanken gespielt - zu seiner Zeit war das römische Reich noch intakt -, ihn aber nie verwirklicht.

Die griechische Siedlung, aus der die Stadt hervorgegangen ist, hieß Byzanz. Griechen bildeten den überwiegenden Teil der Bevölkerung, daher spricht man immer noch von der Stadt Byzanz und von byzantinischer Kunst. 360 erhielt Konstantinopel einen eigenen Senat, und seit dem Ökumenischen Konzil im Jahre 381 sprach man davon, Konstantinopel sei ein „neues Rom“. 395 starb der römische Kaiser Theodosius I. Er hinterließ sein Reich zur besseren Verwaltung seinen beiden Söhnen: Honorius erhielt den Westen, Arcadius den Osten. Nun bahnte sich die Teilung des römischen Reiches an. Das Ostreich umfaßte Libyen, Ägypten, Palästina, Syrien, Kleinasien, Bulgarien, Rurnänien, Südostjugoslawien und Griechenland. Einen Kaiser gab es zwar in dem oströmischen Reich, nicht aber einen Papst, sondern nur einen Patriarchen, der jedoch einen höheren Rang hatte als die in Antiochia und Alexandria.

Unter Kaiser Justinian I. (527-565) erlebte die byzantinische Kunst ihre erste große Blütezeit - es muß auch eine Blütezeit der Ikonenmalerei gewesen sein. Doch nur ganz wenige Werke sind uns aus diesem und dem folgenden Jahrhundert erhalten geblieben. Sie werden heute im Katharinenkloster am Fuße des Berges Dschebel Musa auf der Halbinsel Sinai aufbewahrt. Noch ältere Ikonen gibt es kaum.

527 hatte Kaiser Justinian das Kloster erbauen lassen. Dem Geschick der Mönche, die den erobernden Arabern im 7. Jahrhundert den Zutritt zum Kloster verwehrten, ist es zu verdanken, dass die Kunstschätze, die sich hier im Laufe der Jahrhunderte angesammelt hatten, der Vernichtung durch die Andersgläubigen entgingen.

Das Wort Ikone leitet sich ab aus dem griechischen „eikön“ und heißt „Bild“, „Abbild“. Zur Zeit des frühen Christentums war jedes religiöse Bild - Mosaik, Fresko oder Tafelbild – ein eikön. Heute verstehen wir unter dem Begriff Ikone das religiöse Kult-bild der Ostkirche. Viele Ikonen gerieten zu Kunstwerken: Mit gestalterischen Mitteln versuchten die Maler die Spannung zwischen Urbild und Abbild zu bewältigen. Es ging ihnen um Naturtreue und Echtheit der dargestellten Person. Sorgfältig und genau sind die Züge gezeichnet, doch trotz aller Bewegtheit der Linien, vor allem auf Ikonen der späteren Zeit, haftet den Figuren etwas Starres, Unnahbares an.

Die dargestellte Person ist gleichzeitig bestürzend gegenwärtig und entrückt, mit den Sinnen greifbar und doch unbegreiflich - ein Mysterium. „Fenster zur Ewigkeit“ hat man die Ikonen genannt. Das diesseitsbezogene griechisch-hellenistische Denken erhielt durch das Christentum einen neuen Wesens-zug - das Weisen ins Transzendente, über das Diesseits hinaus zum Absoluten hin. In den Ikonen ist es künstlerisch gestaltet. Vorläufer und in gewisser Weise auch Vorbilder der Ikonen - das darf heute als sicher gelten - sind die ägyptisch-hellenistischen Mumienporträts. In den Gräbern von Fayum südlich von Kairo sind zahlreiche gefunden worden. Sie stammen aus der Zeit vom 2. bis 4. Jahrhundert nach Christus. Diese Porträts Verstorbener, auf Tafeln mit Wachsfarben gemalt, zeichnen sich durch höchste Naturtreue aus und bestechen durch die Unmittelbarkeit der Darstellung: Die Gesichter scheinen zu leben. Die Tafel brachte man zwischen den Mumienbinden in Höhe des Halses oder Kopfes an.

Nach ägyptischer Auffassung brauchte der unsterbliche Teil des Menschen nun, da der Leib gestorben war, eine neue Hülle, in der er sich einwohnen konnte. Ein Teil dieser Hülle waren die Porträttafeln. Die lebensechten Züge machten es den Hinterbliebenen leichter, mit dem Toten in einer Art metaphysischer Verbindung zu bleiben. Auffallend sind die weitaufgerissenen Augen der abgebildeten Person: Sie verdeutlichen die mysteriöse Welt des Jenseits, die der Tote bereits geschaut hat Das Bild wurde zu einem Mittel der Kommunikation zwischen Lebenden und Verstorbenen, und man war der Meinung, dass immer noch seinen ehemaligen Mitmenschen nützlich sein könne.

Diese Auffassung wurde philosophisch begründet durch verschiedene Theorien des Neuplatonismus, vor allem durch die Emanationstheorie (emanare - ausstrahlen), nach der kleine Teilchen des Göttlichen nach und nach stufenweise in die Welt der Dinge eingehen und sie durchdringen. Bald setzte man Bild und dargestellte Personen gleich. Das galt auch und vor allem von Bildern der Gottheit, denn, so hieß es, dass nach dem Gesetz der Sympathie durch Künstlerhand geschaffene Bild einer Gottheit sei mit ihrem Wesen verbunden oder nehme daran teil. Es ist eine ganz natürliche Sehnsucht des Menschen, sich von dem, was er liebt, verehrt oder als heilig empfindet, ein Bild zu machen, es lebendiger werden zu lassen im Bild, wenn die Vorstellungskraft nicht ausreicht oder zu schwinden droht. Für den antiken Menschen war es etwas ganz Natürliches, Göttliches mit stofflichen Mitteln sichtbar zu machen - schon immer hatten die Griechen ihre Götter im Bilde dargestellt. Für sie waren die Götter den Menschen ähnlich, die griechischen Plastiken künden davon. Götter wurden hineingezogen in das Leben der Menschen, weilten mitten unter ihnen. Doch trotz aller Menschlichkeit in der Gestalt fehlte den griechischen Göttern nicht das Numinose, das Dämonische und das für den Menschen letztlich Unbegreifbare.

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